Kurd Laßwitz Preis - Titelzeile
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Textfeld: Ernst Vlcek für sein Lebenswerk (posthum)

Laudatio:

Ernst Vlcek wurde am 9. Januar 1941 in Wien geboren und verstarb völlig überraschend am 22. April 2008. Ernst Vlcek kann mit Fug und Recht als »Urgestein« der deutschen Science Fiction-Szene bezeichnet werden und hatte vor allem die »Perry Rhodan«-Serie viele Jahre mit seiner Exposéarbeit und über 170 Romanen entscheidend mit geprägt.

Eine seiner letzten serienunabhängigen Kurzgeschichten aus dem Jahr 1985 trägt den Titel »Es kommt eine kleine Überraschung«. Und damit musste man bei ihm immer rechnen, und zwar bereits 1966, als sein Roman »Der kosmische Vagabund« erschien. Damit hatte er seinen ersten nachhaltig erfolgreichen Auftritt auf der deutschsprachigen Science Fiction-Bühne, denn von da an folgte ein unablässiges Feuerwerk an Kurzgeschichten, Buch- und Heftromanen, Exposéarbeiten und eigenen Serien. Vielseitig, wie Ernst war, hatte er sich neben »Perry Rhodan« und »Atlan« sowie serienunabhängigen Romanen und Kurzgeschichten genauso versiert in Fantasy-Serien wie »Mythor« und »Dragon« getummelt, aber auch seiner heimlichen Liebe gefrönt: dem Horror. So entstanden der bis heute aktive und Monster metzelnde »Dämonenkiller« und das nicht minder erfolgreiche Spin-Off »Coco Zamis«, wo Ernst Vlcek nach Herzenslust seine schwarzen Gedanken austoben konnte — wenngleich zu den damaligen Zeiten eher auf dem Manuskriptpapier, das von einer zart besaiteten Redakteurin aus Leser-Schutzgründen teilweise entschärft wurde. Hätte sie einen Blick in die Zukunft werfen können, um zu sehen, was mittlerweile im Fernsehen in den Nachrichten geboten wird, dann hätte sie Ernst Vlcek wahrscheinlich für einen harmlosen Romantiker gehalten.

Alles begann im jungen Alter von Zwanzig, nämlich 1961 mit der Kurzgeschichte »Schicksal eines Verurteilten« in »Pioneer« Nr. 7. Darauf folgten, teils in Zusammenarbeit mit Helmuth W. Mommers, teils allein, viele weitere beachtliche Kurzgeschichten. Der Romaneinstieg fand 1965 wiederum mit Mommers zusammen mit dem Taschenbuch »Sturm über Eden 13« statt. Nach dem ersten eigenständigen Roman, »Der Kosmische Vagabund«, schrieb er — neben zahlreichen Heftroman- und Buchpublikationen im Rahmen von Serien — bis 1980 insgesamt 44 serienunabhängige Science Fiction- und Horror-Romane.

Der Einstieg in das »Perry Rhodan«-Universum erfolgte 1968 mit einem viel beachteten Taschenbuch, seit 1970 schrieb er für »Atlan«, 1971 hatte er seinen Einstieg mit Band 509, »Die Banditen von Terrania« in der Hauptserie. Von Ende 1984 bis Ende 1999 zeichnete Ernst Vlcek für die Exposés der »Perry Rhodan«-Serie verantwortlich. Dank der Exposé-Ideen von Ernst Vlcek konnte der Titelheld Perry Rhodan eine Menge fantastischer Orte voll fremder Technik und Gesellschaftsformen kennenlernen und erfahren, was kosmische Gesetze bewirken. Doch das große Ziel, den Wunsch nach universellem Frieden, hat der »Erbe des Universums« dank Ernst Vlcek nie aus den Augen verloren, egal wie weit seine Reise führte.

Ernst Vlcek hat in über vierzig Jahren die Science Fiction-Szene durch den unverwechselbaren Stil seiner Geschichten geprägt, die sich durch großen Einfallsreichtum und skurrilen, durchaus auch schwarzen Humor auszeichnen, durch Spannung ebenso wie die detaillierte Charakterisierung seiner Figuren, die einem schnell ans Herz wachsen. Bei all seinen Geschichten geht es aber immer auch um das Menschliche: Oftmals um die Abgründe einer Seele, aber auch das Gute darin.

Eine seiner Kurzgeschichten stammt von 1980 und trägt den Titel »Ein Motor wie Monika«. Diese sehr knappe, prägnante Geschichte über Menschlichkeit verwendete er noch einmal in seinem Hauptwerk »Sternensaga«, dessen vierten und letzten Band er wenige Tage vor seinem Tod fertig stellte. In »Treffpunkt Gulistan« erzählt Ernst Vlcek nicht nur den Abschluss der Legendensammler, er fasst auch sein eigenes Leben darin zusammen. Das Buch ist mit seiner persönlichen Lebensphilosophie und autobiographischen Szenen gespickt, wie etwa seiner Liebe zu Katzen, auch sich selbst erwähnt er augenzwinkernd.

In seinem letzten Buch ist Ernst Vlcek in all seinen Facetten zu finden, vom Humor bis zur Ernsthaftigkeit, die in ihrer Konsequenz sprachlos macht. Dazu gehört auch der Einschub dieser Kurzgeschichte, die an dieser Stelle als kleine Lesung, stellvertretend für Ernst Vlceks schriftstellerische Leistung, vorgetragen werden soll:

Ein Motor wie Monika

Mo ist ein liebenswertes Mädchen, verträumt und schwärmerisch, treu und anschmiegsam, scheu und zurückhaltend, sie hat für jedermann stets ein wärmendes Lächeln bereit. Man hat sie zu Recht zur Kameradin der Welt gewählt. Mo liebt Blumen über alles, was so weit geht, dass sie selbst Menschen ihrer Gunst Blumennamen gibt. Sie wandert am liebsten über Felder und Wiesen, um dabei die über alles geliebten Blütenfreunde zu pflücken. Sie mag sie alle, die Mohnblume wie das Gänseblümchen, Buschwindröschen und Leberblümchen, den Feldrittersporn und den Blauen Eisenhut — und wie ihr die Gemeine Akelei gefällt! Aber ihnen allen zieht sie den Löwenzahn vor, der für viele ein Unkraut ist, der Löwenzahn, der nach seiner Blütezeit Dutzende winziger Fallschirme trägt. Sie pustet sie davon und sieht zu, wie sie in weitem Umkreis ausschwärmen. Wenn sie Blütenblätter rupft, dann nur um eine ihrer Freundinnen auf diese Weise über ihren Liebsten zu befragen: »Er liebt mich, er liebt mich nicht, er liebt mich …« Alle Welt liebt Mo. Und dann passiert mit ihr das! Ein Unfall. Zurück bleibt ein funktionstüchtiges Gehirn in einem irreparablen Körper. Das Euthanasie-Gesetz soll zur Anwendung kommen, aber darf man der Welt die beste Kameradin nehmen? Und so wird dafür gesorgt, dass Mo weiterhin Blumen pflücken kann. Ihr Geist lebt weiter in einem mächtigen Truppentransporter. Der stählerne Koloss ist zu ihrem Körper geworden, die technischen Geräte sind ihre Eingeweide und ihr Nervensystem. Gesteuert wird diese ausgeklügelte Maschinerie aber von ihrem Gehirn. Mo ist der Motor der Truppe. Und so kann sie in Gedanken wieder über Wiesen schreiten und Blumen pflücken. Sie braucht in ihrem Leben nichts anderes mehr als das zu tun. Mo weiß nicht, dass die Blumen, die sie von nun an pflückt, eigentlich Menschen sind.

Die Mehrheit der deutschsprachigen SF-Schaffenden stimmt dafür, Ernst Vlcek für sein Lebenswerk den Kurd Laßwitz Sonderpreis 2008 für langjährige herausragende Leistungen im Bereich der deutschsprachigen Science Fiction zu verleihen.

(Laudatio von Gastautorin Uschi Zietsch)

Foto von Ernst VlcekFoto von Uschi ZietschKLP Preisträger20122011