Kurd Laßwitz Preis - Titelzeile
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Textfeld: Charles Stross, Das Glashaus, (The Glasshouse), Heyne (52360)

Laudatio:

Robin und Kay, bekannt aus »Accelerando«, einem früheren Roman von Charles Stross, begeben sich in »Das Glashaus«, eine Computersimulation des 20. Jahrhunderts. Robin erscheint dort als Frau und versucht herauszufinden, in welcher Person Kay steckt. Erschwert wird die Suche durch das Konzept dieser Simulation: Eine Kleinstadt soll mit »idealen« Bewohnern besiedelt werden, doch um dieses Ideal der Kleinbürgerlichkeit zu erreichen und zu garantieren, werden alle Register eines Überwachungsstaates gezogen, inklusive Anwendung von Gruppenzwang und massiver Gewalt.

Charles Stross beschreibt, wie der Terror eines Überwachungsstaats langsam und effizient entstehen kann, ein simples Punktesystem reicht dafür aus, da alle Mitspieler hochmotiviert sind, keine Punkte zu verlieren. Nachbarn werden zu Spitzeln, Freunde zu Konkurrenten und Verrätern. Und auch der Ich-Erzähler, ein Soldat im Körper einer Hausfrau, greift bald zur Gewalt, um sich zu behaupten. Insbesondere als er seinen Auftrag rekonstruieren kann, der durch die Gedächtnislöschung beim Betreten des »Glashauses« vorübergehend verloren war, und der gegen die Konstrukteure der Simulationsumgebung gerichtet ist — somit der wahre Grund für seine Teilnahme.

Charles Stross arbeitet auf mehreren Ebenen. Er mixt die Computertechnologie einer fernen Zukunft mit der biederen Kleinstadtwelt der Fünfziger Jahre. Er mokiert sich humorvoll über heutige Zustände, wenn er die Protagonisten des 22. Jahrhunderts mit dem Stand der Medizin des 20. Jahrhunderts konfrontiert, und kritisiert sehr drastisch religiösen Fanatismus und unnötige Gewaltanwendung. Zentrales Thema ist die Frage, wie viel Anpassungsdruck man sich gefallen lassen darf und wo die Grenze liegt, die eine Rebellion zur Pflicht macht, um sich oder andere zu schützen. Und welche Umstände die Anwendung von Gewalt rechtfertigen.

Treffende Dialoge, überraschende Wendungen, pointierte Spitzfindigkeiten als Gesellschaftskritik, abschreckende Gewaltszenen und ausführliche Selbstfindungspassagen bilden die Bausteine eines beeindruckenden Romans, der nicht zuletzt auch von der Sprachgewalt und Stilsicherheit des Autors Charles Stross lebt, der diese Module so mühelos und ideenreich zu einem herausragenden Gesamtwerk zusammensetzt.

Die Mehrheit der deutschsprachigen SF-Schaffenden stimmt deshalb dafür, Charles Stross für seinen Roman »Das Glashaus« den Kurd Laßwitz Preis für das beste ausländische Science Fiction Werk mit deutscher Erstveröffentlichung 2008 zu verleihen.

Cover zu
Charles Stross, Das Glashaus, (The Glasshouse), Heyne (52360)Foto von Charles StrossKLP Preisträger20122011