Kurd Laßwitz Preis - Titelzeile
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Textfeld: Matthias Scheliga, Amnesia
Regie: Jürgen Dluzniewski, RBB (3.11.06)

Laudatio:

Wir lassen uns erinnern, informieren, unterhalten, verplanen, überwachen, wir misstrauen dem gesprochenen Wort, kommunizieren medienvermittelt, halten immer mehr Detailwissen abrufbereit und verlieren dabei den Gesamtzusammenhang aus den Augen, glauben die Welt zu kennen und kennen doch nur deren mediale Aufbereitung.

Matthias Scheliga hat sich nicht weit von unserer Realität entfernen müssen. Er schildert eine in Selbstzweck erstarrte Bürokratie, in der Gewaltenteilung und Unschuldsvermutung aufgehoben sind. Delegieren von Verantwortung, Informationsflut und Speicherwut haben zur Verkümmerung des Gedächtnisses mit Verlust an Emotionen und Spontaneität geführt; die Menschen definieren sich nur noch über die Spuren, die sie in den elektronischen Medien hinterlassen.

Doch anders als in vergleichbaren Dystopien ist dem trostlosen Szenario etwas entgegengestellt, das der Staat aller Begehrlichkeit zum Trotz weder entschlüsseln noch für sich vereinnahmen kann, ein im Moment der Entseelung frei werdender rätselhafter Code, vielleicht das, was unser Menschsein erst ausmacht.

Mit dem scheinbaren Widerspruch vom »Erinnern durch Vergessen« propagiert Matthias Scheliga eine neue Selbstfindung und setzt der Beschränktheit einer statischen Gesellschaft das Prinzip Veränderung entgegen: Vergessen als Chance — eine Rückeroberung des verschütteten Selbst mit all seiner Unzulänglichkeit und Vergänglichkeit.

Nicht zuletzt dank der unaufdringlichen Realisierung von Jürgen Dluzniewski ist »Amnesia« ein verstörendes, stellenweise an Borges und Kafka erinnerndes Hörspiel, das den Hörer lange nachdenklich zurücklässt, ja, sich erst beim wiederholten Anhören ganz erschließt. Und natürlich ist es auch und vor allem ein Plädoyer für das Irrationale, für die Fantasie, für den »sense of wonder«. Was kann man sich von einem Science-Fiction-Hörspiel mehr wünschen?

Die Hörspieljury stimmt deshalb dafür, Matthias Scheliga, Jürgen Dluzniewski und dem Rundfunk Berlin-Brandenburg für das Hörspiel »Amnesia« den Kurd Laßwitz Preis für das beste deutschsprachige Science-Fiction-Hörspiel des Jahres 2006 zu verleihen.

Foto von Matthias ScheligaLogo vom RBBKLP Preisträger20122011